Vom lauen Lüftchen zum Orkan

Wie Konflikte eskalieren können

Die neun Eskalationsstufen von Konflikten nach Glasl

 

Nachbarschaft extrem

Ich habe immer noch einen wirklich sehr verstörenden Nachbarschaftsstreit in Erinnerung. Alles fing harmlos mit ein bisschen Laub auf einer Wiese an, an dem sich jemand störte. Bald gab ein Wort das anderer und es entwickelte sich ein handfester Streit. Und dieser Streit eskalierte schließlich so stark, dass am Ende bei Parteien vor Gewalt nicht mehr zurückschreckten. Und dabei waren sie jeder für sich felsenfest davon überzeugt, lediglich ihre legitimen Positionen zu verteidigen.

Natürlich ist das ein Extremfall. Aber er zeigt, was passieren kann, wenn die Parteien in einem Konflikt nicht mehr miteinander sprechen können. Sie geraten in eine Spirale der Eskalation, aus der es immer schwerer wird, wieder auszusteigen. An allem schuld ist irgendwann nur noch der andere. Und so verhärten die Positionen sich so stark, dass eine Lösung in unerreichbare Ferne rückt. Eigentlich sehen sich die Parteien nach Befreiung von dieser Umklammerung. Nach Frieden. Aber der Konflikt lässt das nicht zu. Die Parteien können von dem Konflikt nicht lassen und sind so mit ihm und dem Konfliktpartner - wie es scheint - unentrinnbar verbunden.

Selbstverständlich müssen nicht alle Konflikte in dieser Weise eskalieren. Aber das Potenzial dazu bringen grundsätzlich so gut wie alle Konflikte mit sich. Deshalb ist es ratsam, sich auch mit diesem Eskalationspotenzial zu beschäftigen.

Lesen Sie hier, wie Sie schwierge Gespräche konstruktiv und lösungsorientiert führen können.

Stufenmodell der Konflikteskalation

Friedrich Glasl hat dazu ein Modell entwickelt, das diese Eskalationsspirale in neun Stufen einteilt. Sie markieren jeweils einen Entwicklungsschritt in dieser Spirale, die immer tiefer in den Konflikt hineinführt.

Stufe 1: Verhärtung – Eine Irritation über ein Thema führt zu einer Verstimmung im persönlichen Verhältnis der Parteien.

Stufe 2: Diskussion. Argumente werden ausgetauscht. Der Konflikt zeigt sich in Form einer erhitzten Diskussion, vielleicht auch schon als Streit.

Stufe 3: Taten statt Worte. Die Zeit der Diskussion ist vorbei. Die Parteien schreiten auf Kosten des anderen zur Tat, um ihr Ziel zu erreichen.

Stufe 4: Koalitionen. Die Parteien suchen Unterstützung für ihre eigenen Positionen.

Stufe 5: Gesichtsverlust. Das Einlenken ist nun für keine der Seite eine Option mehr. Die Standpunkte der Parteien stehen jetzt diametral gegenüber.

Stufe 6: Bedrohungsszenarien. Die Parteien drohen sich gegenseitig und versuchen so, den Konflikt "gewinnen".

Stufe 7: Begrenzte Zerstörung. Im Vokabular der Parteien tauchen jetzt Wörter auf wie beseitigen, vernichten und zerstören.

Stufe 8: Feindbild. Die andere Partei wird als Feind betrachtet, der vernichtet werden muss.

Stufe 9: Gemeinsam in den Abgrund. Den Parteien ist die Vernichtung des Gegners wichtiger als die eigene Selbsterhaltung.

Lesen Sie hier mehr über "erste Hilfe"im Konfliktfall

Optionen auf den Stufen der Eskalation

Natürlich muss nicht jeder Konflikt in Mord und Totschlag enden. Aber wir sollten uns vor Augen führen, dass jeder Konflikt das Potenzial dazu in sich birgt. Es liegt an uns, wie weit wir es kommen lassen.

Auf den Stufen 1-3 können wir uns noch mehr oder weniger selbst heraushelfen, wobei auch hier die Hilfe von Dritten unterstützend wirken kann.

Auf den Stufen 4-6 ist durch eine Intervention durch Dritte eine Lösung möglich, z.B. durch eine Mediation.

Auf den Stufen 7, 8 und 9 ist es vermutlich schon zu spät. Die Parteien haben sich so tief in ihren Konflikt verstrickt, dass eigentlich nur eine räumliche Trennung Abhilfe schaffen kann.

Mediation empfiehlt sich besonders in den Phasen 4-6, also in Phasen, in welchem der Wille zu einer Einigung noch gegenwärtig ist, die Parteien alleine nicht mehr selbst zu einer guten Lösung kommen können. Sie brauchen dann einen Dritten, wie z.B. einen Richter, Schlichter oder eben einen Mediator.

Allerdings kann Mediation in den Phasen 1-3 eingesetzt werden. Sie wirkt dann eher präventiv. Mit ihr kann dann bereits der Entstehung von verhärteten Konflikten entgegengewirkt werden. Unternehmen setzen das Verfahren projektbegleitend ein, um möglichen Konflikten schon frühzeitig begegnen zu können. Auch bei innerbetrieblichen Konflikten zwischen Mitarbeitern wird Mediation in dieser Weise eingesetzt, um Konflikte frühzeitig zu bearbeiten.

Und was ist mit uns?

Noch einmal zu unserem Ausgangsbeispiel. Viele von uns glauben, dass es ihnen nicht passieren könnte in einen extrem eskalierenden Konflikt zu geraten. Wir sollten uns dabei nicht täuschen. Mit dem richtigen Konfliktpartner, dem richtigen Thema zur richtigen Zeit kann diese Eskalation so gut wie jedem passieren – wenn wir nicht aufpassen und rechtzeitig einlenken.

Denn: Konflikte treten immer und überall auf – wir müssen mit ihnen gut umgehen. Dann beherrschen sie uns nicht.

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